Ende der Pandemie in Sicht?

April 8, 2021 0 Von Sarx

Womit Corona-Experten bis Anfang 2022 rechnen

  • Ist der Optimismus berechtigt, dass die akute Corona-Krise bald vorbei ist? Intensivmediziner und Politiker jedenfalls rechnen damit.
  • Die Weltgesundheitsorganisation sieht 2021 hingegen noch ganz im Zeichen der Pandemie.
  • Und Virologen und Infektiologen gehen davon aus, dass Corona nie ganz verschwinden wird – aber seinen Schrecken verliert.
Saskia Bücker

Saskia Bücker | 08.03.2021, 20:39 Uhr

Ein Konzertbesuch, ein unbeschwertes Treffen mit 20 Leuten, schlendern durch die Innenstadt ohne Maske – ist das bald wieder möglich? Viele Pandemieexperten rechnen angesichts der Impfungen fest mit einer spürbaren Verbesserung der Situation und mehr Alltagsfreiheiten. Damit plant auch die Politik. Wann genau „bald“ ist, hängt aber von mehreren Faktoren ab.

Auch im März 2021 ist die Pandemie das dominante Thema auf der ganzen Welt und zwingt Deutschland vorerst zu strikten Corona-Maßnahmen. Aber anders als im Frühjahr vergangenen Jahres, als Deutschland den ersten Lockdown erlebte, gibt es inzwischen eine Exit-Strategie. Durch Impfungen wird das Alltagsleben stückchenweise einfacher werden. Das Szenario, womit inzwischen viele Wissenschaftler langfristig rechnen: Das Coronavirus könnte weitgehend in Schach gehalten sein, nur noch regional vereinzelt ausbrechen.

Im Monate anhaltenden Dauerlockdown rückt diese optimistisch stimmende Perspektive allerdings in den Hintergrund. Die aktuellen Entwicklungen sind paradox und schwer mit dem Exit zusammenzudenken: Die gemeldeten Todesfälle und Intensivpatienten auf Station im Zusammenhang mit dem Coronavirus sind Anfang dieser Woche (8. März) zwar so niedrig wie seit Anfang November nicht mehr. Virologen, Epidemiologen und Modellierer warnen aber vehement vor einer kurz bevorstehenden dritten Infektionswelle ab Ende März. Infektionszahlen, Inzidenz und R-Wert steigen wieder, und das europaweit. Eine erneut beschleunigte Infektionsdynamik durch den verstärkten Einfluss von Mutanten wie der britischen Virusvariante B.1.1.7 wird vermutet.

Und da soll alles besser werden?

Corona-Maßnahmen hängen von Impfgeschwindigkeit ab

Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), hält ein baldiges Ende der Pandemie für realistisch – wenn sich alle an die Regeln halten und das Impftempo deutlich beschleunigt werde. „Dann werden wir die Pandemie bis Ende September besiegt haben“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Es ist sogar gut möglich, dass wir schon im Hochsommer soweit sind.“ Er begründete das damit, dass Daten aus Israel nahelegen, dass Geimpfte andere nicht mehr infizieren. Man könne den „sicher geglaubten Sieg“ über das Virus aber auch noch verspielen, sagte er – deshalb sollten nicht alle Einschränkungen beendet werden, etwa die Maskenpflicht an Orten, an denen sich viele begegnen.

Im zweiten Quartal soll die EU demnach rund 100 Millionen Dosen pro Monat erhalten.  © dpa

Braun knüpft seine Prognose aber an zwei Bedingungen: „Die Impfstoffhersteller halten ihre Lieferversprechen ein. Und es taucht keine Mutante auf, die den ganzen Impferfolg infrage stellt.“

Bislang stehen die Zeichen gut: Ab April erwartet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen deutlich mehr Impfstoff. Nach den Plänen der Hersteller könnten sich die Mengen noch einmal verdoppeln, auch weil weitere Impfstoffe wie der von Johnson & Johnson vor der Zulassung stehen. Von der Leyen rechne laut Stuttgarter Zeitung EU-weit „im zweiten Quartal im Schnitt mit rund 100 Millionen Dosen pro Monat, insgesamt 300 Millionen bis Ende Juni“.

Impfstoffentwickler wie Biontech und Astrazeneca gehen davon aus, dass ihre Vakzine auch ausreichend gegen bislang in Europa verbreitete Virusvarianten wirken. Gleichzeitig bereiten sich die Hersteller auf eine zweite Generation ihrer Mittel vor. Bei den mRNA-Impfstoffen sei eine Anpassung laut Paul-Ehrlich-Institut innerhalb von sechs Wochen möglich, bei den Vektorimpfstoffen dauert es Impfstoffexpertin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zufolge rund drei Monate.

WHO-Regionaldirektor Kluge rechnet Anfang 2022 mit Entspannung

Vertreter der Weltgesundheitsorganisation rechnen diesen Sommer und insgesamt 2021 hingegen noch nicht mit einem Ende der Pandemie. „Es wäre sehr verfrüht und unrealistisch zu glauben, dass wir bis Ende des Jahres mit diesem Virus fertig werden“, sagte WHO-Nothilfekoordinator Michael Ryan vergangene Woche Montag. Bei klugem Handeln könnten jedoch „die Krankenhauseinweisungen, die Todesfälle und die Tragödie beendet werden, die mit dieser Pandemie einhergehen“. Sprich: Der individuelle Schutz vor Covid-19 ist dann gegeben, das Virus verbreitet sich aber weiterhin.

Der Fokus der WHO sei weiter darauf gerichtet, die Infektionen so gering wie möglich zu halten und so viele Menschen wie möglich zu impfen. Im Vergleich zu vor zehn Wochen sei die Situation viel besser, sagte Ryan mit Blick auf die Auslieferung erster Impfstoffe gegen das Virus. „Noch stehen wir aber vor einer großen Herausforderung“, betonte er. Denn noch habe das Virus die Oberhand. Die Kontrolle über die Pandemie könne aber beschleunigt werden, wenn die Impfungen begännen, sich signifikant auf die Übertragungsdynamik und das Übertragungsrisiko auszuwirken.

Deshalb gehe ich davon aus, dass die Pandemie Anfang 2022 vorbei ist.

Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor in Europa

Für Europa geht Hans Kluge, Regionaldirektor des Europa-Büros der WHO, davon aus, dass die Corona-Pandemie in rund zehn Monaten zu Ende sein könnte. 2020 sei „Terra Incognita“ gewesen. „Ein Jahr später wissen wir viel mehr. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Pandemie Anfang 2022 vorbei ist.“ Was nicht heiße, dass das Virus weg sei. „Aber hoffentlich braucht es dann keine der disruptiven Interventionen mehr.“ Sprich: Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Lockdowns könnten dann der Vergangenheit angehören.

Kluge warnte davor, Corona-Mutationen nicht ernst genug zu nehmen, weil sich manche sehr schnell verbreiten könnten und schwere Krankheitsverläufe auslösten. „Wenn dies nun zusammenfällt mit einer nur langsamen Impfkampagne, dann verlieren wir das Momentum. Dann kann das Virus wieder die Oberhand gewinnen.“ Jetzt sei noch nicht die Zeit für die Menschen in Europa, sich zurückzulehnen.

Viele Impfungen und Infektionen: Coronavirus wird wahrscheinlich endemisch

Ähnlich wie sich Sars-CoV-2 schleichend in der Welt verbreitet hat, wird es sich wahrscheinlich auch mittelfristig stückchenweise weniger bemerkbar machen und schließlich – nach dem Aufbau ausreichender Herdenimmunität durch Impfungen und natürliche Infektionen – nur noch vereinzelt zu Ansteckungen führen. Und das dann primär bei Kindern, die noch keine schützende Immunität erworben haben. „Da haben wir also ein Bevölkerungskompartiment“, erklärte der Charité-Virologe Christian Drosten Anfang Januar im NDR Info-Podcast. „Die Kinder, von denen das Virus lebt, in denen das Virus sich weltweit hält und verbreitet und von denen es immer wieder in die Erwachsenen eingesät wird. Die Erwachsenen kriegen dann keine Lungenentzündung mehr, sondern eher Halsschmerzen und Erkältung.“ Das sei dann ein Zustand, mit dem sich das Virus arrangieren müsse.

Fachleute sprechen in dieser Phase davon, dass das Coronavirus endemisch wird. Von diesem Szenario geht auch eine an der Emory University in Atlanta durchgeführte Studie um die Infektiologin Jennie Lavine aus, die Mitte Februar in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde. Ein Jahr nach seiner Entstehung sei Sars-CoV-2 bereits so weit verbreitet, dass wenig Hoffnung auf eine Eliminierung bestehe, resümieren die Forscher. Es gebe aber eine Reihe endemische humane Coronaviren, die mehrere Reinfektionen verursachen und eine ausreichende Immunität zum Schutz vor schweren Erkrankungen bei Erwachsenen erzeugen. Im Modell der Wissenschaftler zeigt sich, dass im Übergang von der epidemischen zur endemischen Dynamik mittels Impfungen mit einer Verschiebung der Altersverteilung von Primärinfektionen zu jüngeren Altersgruppen zu rechnen sei.
Beim Eintritt in die endemische Phase würden Massenimpfungen dann möglicherweise nicht mehr erforderlich werden. Letztendlich hänge das vom Infektionsverlauf bei den Kindern ab. Denn sie seien schließlich diejenigen, die in dieser Phase ohne Immunschutz auf die Welt kommen – und möglicherweise noch angesteckt werden. Verlaufe eine Infektion bei den Jüngeren mild, wie bislang bei Sars-CoV-2 der Fall, sei eine fortgesetzte Impfung möglicherweise nicht erforderlich. Bis Sars-CoV-2 endemisch wird, braucht es aber einen Großteil Geimpfter in der Bevölkerung – und das weltweit. Und vorerst bedarf es deshalb auch noch die unliebsamen nicht pharmazeutischen Maßnahmen: Also möglichst wenig Kontakte, Vermeidung von Superspreadingevents, Maske tragen, Abstand.

mit Material von dpa und epd