Covid19-Impfen oder nicht?

April 1, 2021 1 Von Sarx

Der Redakteur | 18.12.2020 Covid-19: Impfen lassen gegen Corona oder nicht?

von Thomas Becker

Stand: 18. Dezember 2020, 21:15 Uhr

Ob unter Freunden, unter Kollegen oder in den Medien: Alle reden zur Zeit über die Impfung gegen Covid-19, dass uns seit seinem Bestehen vieles genommen hat. Sollte man sich jetzt schon impfen lassen oder sind die Impfungen noch gar nicht ausgereift? Unser Redakteur Thomas Becker hat mit Wissenschaftlern darüber gesprochen.

Eine Arzthelferin impft in einer Arztpraxis eine Patentin mit einer Spritze.

Das Impfen gegen Covid-19 ist gerade ein vieldiskutiertes Thema. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa

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Soll ich mich nun impfen lassen oder nicht?

Bei aller Meinungsfreiheit – größte Vorsicht vor Meinungsäußerungen in diesen Impftagen. Zwar darf jeder natürlich seiner Ungeduld oder seiner Unsicherheit Ausdruck verleihen oder Ängste äußern und natürlich dürfen wir Meldungen wie die über allergische Reaktionen von Geimpften zur Kenntnis nehmen. Die Bewertung allerdings sollten wir echten Experten überlassen.

Und die sind eher selten auf lauten Demonstrationen zu finden, und – bis auf wenige Ausnahmen – auch nicht in der Politik. Verantwortungsvolle Politiker haben sich aber hoffentlich die verschiedensten Expertenmeinungen angehört und auf deren Basis dann ihre abgewogene Entscheidung getroffen. Kritisch wird es, wenn uns diese dann als absolute Wahrheit verkündet wird oder als alternativlos.

Eine absolute Wahrheit gibt es bei diesen Impfungen derzeit nicht, dazu wissen wir einfach viel zu wenig. Unsicherheit darzustellen und dazu das, was wir wissen, ist absolut notwendig und das wird auch in vielen führenden Fachzeitschriften derzeit immer wieder gefordert Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Dass wir als Gesellschaft durchaus bereit sind, Unsicherheiten auszuhalten, zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Die Mehrheit der befragten Deutschen gab an, dass sie eine offene Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie begrüßen würde.

Für diejenigen, die derzeit skeptisch gegenüber staatlichen Eindämmungsmaßnahmen sind, schien die Kommunikation, in der Unsicherheit zum Ausdruck gebracht wurde, besonders wirksam zu sein, um sie zur Einhaltung der Maßnahmen zu motivieren. Studie zur Einstellung der deutschen Öffentlichkeit zur Gesundheitskommunikation bei COVID-19 Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Wir brauchen mehr Transparenz

Transparenz liefert selten farbenfrohen Bilder, scheint aber hilfreicher zu sein, als ein kamerabegleiteter Impftermin. Diese Transparenz fordert auch Prof. Wolf-Dieter Ludwig ein, der sich nicht nur in Berlin-Buch als Facharzt für Innere Medizin und als Pharmakologe einen Namen gemacht hat. Als Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft begleitet er seit Jahren Zulassungsverfahren kritisch und publiziert das auch zusammen mit Kollegen im Arzneimittelreport.

Dass dieser Report aber auch auf den Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert, ist ein wichtiger Aspekt, das heißt: Was im November noch eingefordert wurde, kann in der Januarausgabe schon überholt sein. Zum Beispiel, weil es mittlerweile mehr publizierte Studien zu den Impfstoffen gibt. Leider beantworten sie aber trotzdem immer noch nicht alle Fragen. Die Erforschung des Coronavirus dauert nun schon seit längerem an. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images / Westend61

Was Prof. Ludwig aber definitiv nicht ist: Einer der “Impfgegner”, die immer lauter werden, je weiter sie sich von wissenschaftlichen Prozessen entfernen. Selbst wenn sie in Teilen ähnliche Forderungen erheben wie Prof. Ludwig. Dass uns als Gesellschaft derzeit ein öffentlich notwendiger sachlicher Diskurs in Sachen Impfung und Corona-Maßnahmen nicht gelingt, ist mindestens bedauerlich. Das gilt nicht nur für Deutschland, Prof. Ludwig führt das Beispiel des US-Präsidenten an und dessen Medikamentencocktails nebst Genesungsshow.

Bei uns stören Wortmeldungen wie die des AfD-Bundestagsabgeordneten Uwe Witt den Diskurs, der in einer Frage an Kanzlerin Angela Merkel davon sprach, dass Impfstoffe “genmanipuliert” seien. Das verfängt zwar bei der Zielgruppe, verschreckt aber sachliche Kritiker, die sich da ungern danebenstellen wollen und treibt deshalb Professor Ludwig auf die Palme.

Ich halte diese Wortmeldungen für extrem schädlich. Ich halte es auch für unverantwortlich, dass sich ein Politiker, der offensichtlich nichts von Impfungen versteht, im Bundestag dazu äußert, ohne sich vorher bei kompetenter Seite entsprechend informiert zu haben. Das ist völlig inakzeptabel und das erleben wir natürlich häufig. Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Prof. Ludwig macht in diesem Zusammenhang auch deutlich, dass er den mRNA-Ansatz der BioNTech- und Moderna-Impfstoffe für gut hält und die Impfung für die einzige Möglichkeit, angesichts fehlender Medikamente. Nur die Aufklärung und der Umgang mit den Nebenwirkungen sind aus seiner Sicht stark verbesserungswürdig. 

Messenger-RNA-Impfstoffe haben nicht das Risiko, in den Zellkern zu gehen und das Genom zu verändern oder krebsauslösende Wirkungen zu haben. Auch der DNA-Vektor-Impfstoff von AstraZeneca tut dies nicht. Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Die Impfstofftechnologie ist auch nicht so neu, wie mitunter behauptet wird, sie kam nur bisher nicht über die ersten beiden Phasen der klinischen Studien hinaus und war zum Beispiel gegen Tollwut oder Grippe gedacht. Da war der globale Leidensdruck aber offenbar nicht hoch genug. Studien der Phase 3 mit vielen Probanden sind teuer. Jetzt ist der Druck da, das Geld auch, entsprechend wichtig sind Leute wie Prof. Ludwig, die noch ein bisschen auf der Euphoriebremse stehen.

Welche Kritikpunkte gibt es nun?

Es geht um unbeantwortete Fragen, die sich z.B. auf die langfristigen Nebenwirkungen und die langfristige Sicherheit beziehen, was an der kurzen Nachbeobachtungszeit von zwei Monaten bei den Studien liegt. Es geht um Fragen, wie lange die Immunität anhält, denn diese kann nachlassen oder ganz verschwinden, weshalb man die Geimpften sehr genau und über einen längeren Zeitraum beobachten muss. Auch wissen wir noch nicht, ob Geimpfte bei einer asymptomatischen Infektion (ich bekomme das Virus, nicht aber die Krankheit) andere anstecken können, der Schutz also quasi nur für den Geimpften selbst greift. Das wäre für die erwünschte Herdenimmunität fatal, denn da wird ja gerade darauf gesetzt, dass Geimpfte eine Art “Schutzschirm” um die Nichtgeimpften bilden.

Älterer Mann (Gesicht nur angeschnitten) mit hochgekrempelten Oberteil erhält von einer Frau (im Vordergrund unscharf) eine Impfung. Blick über die Schulter der Frau.

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Covid-19-Impfstoff “Viele Fragen sind noch offen”

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Herausgeber des “Arzneimittelbriefs”, hat sich mit den neuen Covid-19-Impfstoffen wissenschaftlich beschäftigt. Er sieht noch viele offene Fragen gerade bei der Verabreichung bei Älteren.

Ich finde es besonders wichtig, dass wir uns die Gruppe der über 80-jährigen anschauen, inwieweit sie Begleiterkrankungen hatten und auch wie die Wirksamkeit in dieser Gruppe war, diese Daten finden wir in der (BioNTech-)Publikation nicht. Sodass wir in der Information unserer Patienten sagen müssen: Wir wissen es nicht. Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Das ist umso kritischer, wenn die Impfungen von Ärzten durchgeführt werden, die den Impfkandidaten erst im Impfzentrum kennenlernen. Auch das ist ein Kritikpunkt, für den es dringend Lösungen braucht, solange der BionNTech-Impfstoff wegen der Kühlnotwendigkeiten zum Beispiel für den Hausarzteinsatz nicht richtig geeignet ist. Der Hausarzt wäre aber genau derjenige, der sehr schnell feststellen kann, ob sein Patient angesichts dessen Krankheitsgeschichte geimpft werden sollte oder besser nicht und entsprechend auch zielgerichtet beraten und aufklären kann.

Da spielen auch rechtliche Fragen mit hinein, die aus Sicht von Dr. Ludwig noch nicht zufriedenstellend geklärt sind. Zum Beispiel, ob man – wie bei einem Schwangerschaftsabbruch – quasi eine externe Beratung zulässt, damit Menschen in den Impfzentren nicht mit Videos und Handzetteln abgespeist werden. Die Beratung könnte ja der Hausarzt übernehmen und bescheinigen, aber sicher auch nicht kostenlos. Abgesehen davon steht es natürlich jedem frei, seinen Hausarzt im Vorfeld einer Impfung zu kontaktieren. Und gerade bei denen, die zuerst geimpft werden sollen, besteht ja gewöhnlich ein regelmäßiger Kontakt.

Was ist mit den aktuellen Meldungen über Allergien bei Geimpften?

An diese Berichte werden wir uns gewöhnen müssen und es steht zu befürchten, dass sich diese über die sozialen Netzwerke potenzieren. Ein Fall muss nur oft genug durch die Blase kreiseln, um vervielfältigt zu sein. Prof. Ludwig empfiehlt deshalb dringend, die Bewertung Fachleuten zu überlassen und nicht der Facebook-Gruppe. In den USA werden bereits die ersten Menschen mit dem neuen Covid-19-Impfstoff geimpft. Meldungen über Nebenwirkungen werden je mehr geimpft wird, wahrscheinlich zunehmen, meint Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Bildrechte: imago images / UPI Photo

Denn Allergien auf Impfungen – wir dürfen nicht vergessen, dass herkömmliche Impfstoffe oft auf Hühnereiweiß basieren – sind selten, aber es gibt sie immer. Auch gegen Corona werden Eiweiße gespritzt. Es gibt zudem Hilfsstoffe, auf die Menschen allergisch reagieren können, schließlich sind die Wirkstoffe ohne Trägermaterialien von der Masse her viel zu gering, um sie injizieren zu können. Und es gibt schon immer Impfreaktionen wie Fieber oder Rötungen.

Die Studien, die bisher vorliegen, sprechen bei den akut aufgetretenen Nebenwirkungen nicht dafür, dass sie über das gewöhnliche Ausmaß in Impfprogrammen hinausgehen. Aber die Autoimmunerkrankungen entstehen eben nicht in Wochen, sondern innerhalb eines halben oder ganzen Jahres und da haben wir noch keine Nachbeobachtungen derzeit, ob diese Autoimmunerkrankungen häufiger auftreten. Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Kann sein, dass die Befürchtungen unbegründet sind, muss aber nicht. Und wieder sind wir bei den Abwägungen und bei der Statistik, denn auch Corona selbst ist bekanntlich nicht ohne und verläuft gerade bei den Älteren schwer oder gar tödlich. Ist da eine seltene Nebenwirkung, wie sie bei Impfungen immer auftreten kann, das kleinere Risiko?

Da wir keine Impfpflicht haben, was Prof. Ludwig in diesem Fall ausdrücklich begrüßt, muss die Entscheidung jeder selbst treffen. Und zwar, nachdem er sich umfassend informiert hat. Diese Informationen zusammenzutragen und bereitzustellen, das ist wieder die Aufgabe der Politik.

Ich warne davor, wegen eines Falles, bei dem jemand durch die Impfung Schaden erleidet, das Ganze in Zweifel zu ziehen. Wenn das einer von 100 Tausend ist und Sie impfen 30 Millionen, dann sind das natürlich einige, das ist doch klar. Aber man verhindert nach dieser Rechnung viel mehr Todesfälle, die man sonst gehabt hätte Prof. Helmut Küchenhoff Institut für Statistik LMU München

Quelle: MDR THÜRINGEN