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Erich Kästner-Gedicht Von faulen Lehrern

Zitat

Von faulen Lehrern

Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer.
Mir ist diese Thema gut bekannt. 
Ich kenne den deutschen Volksschullehrer
aus erster Hand.

Ich weiß, daß er sich die ersten zehn Jahre
mit hohen Idealen balgt.
Dann aber läßt seine Seele Haare
Und er verkalkt.

Nun trabt er auf tänzelnden Steckenpferden
zur Altersgrenze und läßt sich Zeit.
(Ich sollte selbst mal Lehrer werden
und weiß Bescheid.)

Ein jeder spezialisierte sich. Nämlich:
Der erste sucht Berge, die er besteigt;
der zweite frißt sich langsam dämlich;
der dritte geigt.

Der vierte betreibt Familiengeschichte.
Der fünfte hockt ständig vorm Hühnerstalle.
Nur in der Schule, beim Unterrichte,
da gähnen sie alle.

Sie wurden, das Volk zu erziehen, berufen!
Nun stehn sie herum und marschieren am Ort.
Und nur auf ihres Gehaltes Stufen
schreiten sie fort.

Einst hungerten sie nach geistiger Nahrung
und wahren Freunde gepflegten Lateins.
Jetzt sind sie verstopft mit Paukererfahrung
und Einmaleins.

Sie könnten für Deutschland Größeres leisten
als Leute mit Namen und großem Maul.
Sie könnten. Sie sollten! Aber die meisten
von ihnen sind faul.
(Zuerst in: "Jugend". Nr. 26. 1930. S. 567)