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Jens Geldner: Inklusion, das Politische und die Gesellschaft

Zitat

Cover Jens Geldner: Inklusion, das Politische und die Gesellschaft. Zur Aktualisierung des demokratischen Versprechens in Pädagogik und Erziehungswissenschaft. transcript (Bielefeld) 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8376-5302-1. D: 40,00 EUR, A: 40,00 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Resultat einer Promotion an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Autor

Jens Geldner arbeitet als Mitarbeiter im Bereich Allgemeine Inklusionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Theoretische und politische Fragen inklusiver Bildung, Politische Theorie, sowie Methoden der Qualitativen Sozialforschung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 5 Kapitel mit weiteren Untergliederungen.

In Kapitel 1 geht es um die zentrale Fragestellung des Buches. Ausgehend von einem Inklusionsbegriff aus der (Sonder-) Pädagogik als Überwindung und Auflösung von spezialisierten Schulformen für Menschen mit Behinderungen wird der Blick auf das gesellschaftliche Umfeld gelenkt. Im Kontext der Neuen Rechten ergibt sich die Ambivalenz von pädagogischen und zivilgesellschaftlichen Bemühungen von gleichberechtigter Teilhabe als ambivalente Gleichzeitigkeit von inklusiven wie exklusiven gesellschaftlichen Entwicklungen (vgl. S. 17). Im Hinblick auf einen reflektierenden politischen Zugang zu dem Feld ergibt sich die Problematik, dass die Akteure für diesen Prozess auch Teil dieses Prozesses sind. „Inklusionsorientierte Pädagogiken und Forschungen (sehen sich) mit der Frage konfrontiert, welchen Stellenwert ihr Anliegen eines gleichberechtigten Zugangs zu allgemeiner Bildung und dessen jeweilige Umsetzungsversuche für die Einlösung des Versprechens der Demokratisierung von Bildungs- und Unterstützungssystemen einnehmen können. Worin läge der potentielle Beitrag einer inklusionsorientierten Pädagogik für die angestrebten Demokratisierungsprozesse? Was kann es bedeuten, für ‚Inklusion‘ einzutreten, ohne über deren politische Dimension zu verfügen? Warum sollte man überhaupt für ein demokratisches Verständnis von ‚Inklusion‘ eintreten?“ (S. 23). Unter Rekurs auf politische Philosophie soll mittels Theorien der radikalen Demokratie (Hegemonietheorie nach Ernesto Laclau) der Frage nachgegangen werden, „ob ‚Inklusion‘ der Name sein kann, unter dem sich unterschiedliche pädagogische Konzepte und erziehungswissenschaftliche Forschungen mit einem demokratischen Selbstverständnis bündeln lassen, um an einer Demokratisierung des Bildungssystems mitzuwirken“ (S. 29).

Inklusion ist ein weitläufiger und in sehr verschiedenen Kontexten gebrauchter Begriff, daher wird in Kapitel 2 eine Annäherung an dieses weite Feld unternommen. Mit Inklusion war ein Ringen um die politische und gesellschaftliche Dimension der Integrationspädagogik verbunden und damit verbunden die Hoffnung, auf gesellschaftliche Änderungen wie auch einem veränderten Blick auf Menschen, die bisher eher ausgegrenzt wurden. Was als Diskussion im (sonder-) pädagogischen Schulkontext begann, wurde zur Programmatik eines gesellschaftlichen Anliegens und erweiterte sich zu einer allgemeinen Diskussion um gleichberechtigte Teilhabe marginalisierter Menschen. Damit wurden die Perspektiven weiter und die Debatte bewegte sich aus einem pädagogischen Kontext in einen gesellschaftlich-politischen Raum, allerdings ohne Rezeption und Fortführung in diesem Kontext. Daher muss der Fokus erweitert werden: „Forderungen der (Re-) Politisierung und gesellschaftsanalytischen Fokussierung der Diskussionen um ‚Inklusion‘ stellen mögliche Ausgangspunkte für einen solchen Prozess dar“ (S. 74).

Kapitel 3 widmet sich den radikaldemokratischen Denkfiguren. Im Vergleich zu anderen Ansätzen „legitimiert sich die hier angedachte Hinwendung zu den Theorien radikaler Demokratie also deshalb, weil sie mit der Differenzierung von Politik und Politischem eine theoretisch fundierte Bestimmung der politischen Dimension von ‚Inklusion‘ erwarten lässt“ (S. 80). In Fortführung poststrukturalistischen Denkens (Derrida) gibt es „nicht die eine Idee von Inklusion, die als Maßstab für pädagogische Praxen herangezogen werden könnte. Der Fokus wissenschaftlicher Auseinandersetzungen verschiebt sich damit von einem Interesse für eine normative Begründung von ‚Inklusion‘ hin zu einer Analyse der Auseinandersetzungen um sowie der strategischen Verwendungsweisen des Begriffs im Feld der Pädagogik und der (Bildungs-) Politik. Das Erkenntnisinteresser gilt in einem ersten Schritt der Frage, wie ‚Inklusion‘ in unterschiedlichsten Diskussionszusammenhängen eingebracht wird, um Forderungen, Ansprüchen und Aussagen Geltung zu verleihen und diese zu verallgemeinern. ‚Inklusion‘ erscheint so als ein Begriff der Pädagogik wie der Politik, der als solcher in seinen Verwendungsweisen zu analysieren wäre“ (S. 122 f.).

Inklusion als unbestimmter Begriff kann auch dazu verwendet werden, dass neoliberale Programmatiken damit legitimiert werden, die vorwiegend ökonomisch orientiert sind. Damit würde Inklusion aber zu Exklusion verkommen. Daher bedarf es auch einer gesellschaftlichen Betrachtung um Inklusion, was in Kapitel 4 erfolgt. „Laclau versteht Gesellschaft im Anschluss an die diskurstheoretischen Überlegungen Foucualts und Derridas und der hiermit zu konstatierender Unabschließbarkeit symbolischer Ordnungen zugleich als ein unmögliches und ein notwendiges Objekt in und für diskursive Auseinandersetzungen um das Allgemeine. Auf diese Weise wird Gesellschaft als eine Totalität ebenso unmöglich wie Vorstellungen von einer umfassenden Teilhabe. Vielmehr setzen sich im Rahmen sozialer Konflikte jeweils unterschiedliche partikulare Vorstellungen und Sinnprojekte als hegemoniale Formationen durch und repräsentieren das Allgemeine solange, bis sie wieder in Frage gestellt werden. Vor diesem Hintergrund verschiebt sich der Fokus von Gesellschaftsanalyse in der Hegemonietheorie auf die Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen, in denen sich partikulare Forderungen universalieren“ (S. 159). Mit der Hegemonietheorie bleibt die Kritik an Gesellschaft als System per se stehen, weil es keine endgültige Ordnung gibt, sondern im Sinne der Auseinandersetzungen ein Ringen um die Vereinbarkeit verschiedenster Interessen.

Das letzte Kapitel 5 geht der zentralen Fragestellung dieses Buches nach. Zuerst entwirft der Autor ein radikaldemokratisches Forschungsprogramm, das sich immer wieder folgenden zentralen Fragen nachgehen muss: „Wie wird ‚Inklusion‘ jeweils konzipiert? Was wird damit sichtbar, was wird ausgeschlossen? Welche Zielgruppe pädagogischen Handelns wird hiermit adressiert, wer hingegen bleibt außen vor? Welche sozialen Ordnungen, welche Funktions- und Teilnahmebedingungen werden damit reifiziert und welche nicht? Wo hingegen wird sie verdeckt und damit das inklusionspädagogische Feld entpolitisiert?“ (S. 244). In der Beantwortung der Eingangsfrage stellt der Autor fest: „‘Inklusion‘ (…) muss die Unbegründbarkeit sozialer beziehungsweise pädagogischer Ordnungen zum Ausgangspunkt (der) Überlegungen machen. Dies impliziert eine unausgesetzte Konfrontation der pädagogischen Ordnungsvorstellungen mit den demokratischen Prinzipien der Gleichheit und Freiheit. Bisherige inklusionspädagogische Theorien und Praxen sind damit ebenso in Frage zu stellen, wie sonderpädagogische Aussonderungsstrategien. (…) Wenn sich inklusionsorientierte Pädagogiken mit dieser Unbestimmtheit verbänden (…) wären sie der Formulierung einer Allgemeinen Pädagogik aber ein gutes Stück nähergekommen – gerade weil sie sich von dem Anspruch ihrer tatsächlichen Realisierbarkeit entfernt hätten“ (S. 255).

Diskussion

Mit diesem Buch wird die Diskussion um Inklusion erweitert, weil der Blick auf das Politische und Gesellschaftliche explizit mit aufgenommen wird. Das gilt mehr oder weniger für die anderen hier in diesem Forum erschienen Rezensionen zu Inklusion meistens nur in Teilen (alleine die Schlagwortsuche zu Inklusion während der Erstellung dieser Rezension am 23.01.2021 ergab auf http://www.socialnet.de/rezensionen 320 Treffer!), weil der Fokus der überwiegenden Publikationen sich auf bestimmt Praxisfelder wie auch bestimmte Lebensphasen oder Menschen mit spezifischen Beeinträchtigungen liegt. Das soll aber nicht ausblenden, dass es auch andere Publikationen gibt, die sich bereits dieser Fragestellung widmen. Dennoch erweist dieses Buch einen Referenzrahmen, der für Forschungen sicher eine Relevanz hat, als Fragestellung und Gegenstand stets hinterfragt bleiben müssen. Ob damit eine Veränderung gesellschaftlicher Praxis erfolgt, bleibt eher zu bezweifeln. Die sehr komplexe und verdichtete Sprache macht es aber nicht einfach zugänglich und auch zu keinem Lesevergnügen.

Fazit

Eine Publikation, die die Diskussion um Inklusion als Begriff wie als Gesellschaftsprojekt bereichern kann, insbesondere im Hinblick auf akademische Diskurse und Forschungsvorhaben.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage http://www.Euro-FH.de